Bomben auf Hochdorf

Nach der wörtlichen Tonaufzeichnung vom 22.März 2018 von Christoph Lang-Jakob – zur besseren Lesbarkeit stellenweise, aber ohne Veränderung der inhaltlichen Aussage von Wolfgang Varges verändert.

Erinnerungen von Gerda Fiand, geb. Weisel, geboren am 13.03. 1931, hatte 12 Geschwister. Ihr Elternhaus war ein Haus an der Ecke zum Sportplatz in Richtung Pappelweg. Das war schon das Geburtshaus ihres Vaters. Nach dem Krieg wurde das heutige Haus an gleicher Stelle gebaut. Gerda – Erika Fiand ist am 17. Oktober 2019 gestorben.

Die persönlichen Erinnerungen an die Nazi-Zeit und den Fliegerangriff 1944.

Der Angriff in Freiburg war am 27.November 1944. Der in Hochdorf am 05. November 1944. „Vom Krieg haben wir anfangs nur mitbekommen, wenn Flugzeuge Richtung Karlsruhe und Stuttgart geflogen sind und wenn sie wieder zurückkamen. Ich nehme an, dass die aus Frankreich kamen. In der (Nazi-)Zeit gab es hier den BDM (Bund Deutscher Mädchen), die HJ (Hitlerjugend) und die „jungen Mädchen“ (JM=Jungmädelbund, der Bereich des HJ/BDM für die 10 bis 14-jährigen) Da war ich drin. Im Ort selbst hatte sich nicht viel verändert. Die Familien mit vielen Kindern haben ab und zu irgendwelche Zuwendungen bekommen. Kleider oder Ähnliches.

Der Bombenangriff

Aber dann kam der Angriff am 05. November 1944. Das war ein Sonntagmorgen um 9:00 Uhr. Ich (13 Jahre alt) lag noch im Bett – mit meiner Schwester. Wir hatten nur ein gemeinsames Bett. Wir hörten dann die Flieger, wie sie über Hochdorf drüber flogen und hatten uns überlegt, aufzustehen. Das haben wir dann gemacht. Als wir dann in der Küche waren, hat es plötzlich einen fürchterlichen Schlag getan. Meine Schwester war gerade im Bad. Sie hatte meinen Bruder gebadet. Sie hat bei der Bombardierung einen Fuß verloren (nur das hat man gesehen). Meine ältere Schwester konnte sie noch in den Garten bringen. Dort lag sie. Ich stand im Türrahmen und habe gesehen, dass sie mich immer her gewunken hat. Sie ist noch an Ort und Stelle gestorben. Mein Bruder Lothar wurde ebenfalls verwundet. Er hatte schwere Kopfverletzungen. Die älteste Schwester hat ihn rausgebracht. Die Kopfverletzung hat er zwar überlebt, er ist aber jung an einem Herzinfarkt gestorben. Meine Mutter war beim Angriff im Wohnzimmer. Das Schlafzimmer war daneben. Dort lag im Bett mein Bruder Heinz. Er war noch ein Baby. Gerade mal 8 Monate alt. Die Bomben hatten das Haus schwer getroffen. Im Schlafzimmer war die Decke eingestürzt und hatte meinen Bruder verschüttet. Meine Mutter konnte ihn aber ausgraben und retten. Er wäre sonst erstickt. Mein Vater und einer meiner Brüder waren im Hof. Als mein Vater die herannahenden Bomber hörte, forderte er den Bruder auf, sich sofort in den dort befindlichen Graben zu werfen. Er hatte seine Sonntagskleider an und der Graben war natürlich schmutzig. Durch den Luftdruck wurde er erst zur einen Seite geschleudert und dann zur anderen. So ca. 2-3 Meter in Richtung des Weges der Familie Hamm. Er hatte viele Splitter abbekommen und dabei ein Auge verloren. Er ist 60 Jahre alt geworden. Auch mein Vater selbst legte sich da in den Graben rein. Er hatte am Ende „nur“ einen Bombensplitter am Fuß. Auch mein Bruder Rudi (gestorben am 29.09 2019) hat nur ein paar Splitter abbekommen. Die anderen Kinder waren im Haus und haben, wie ich selbst, nichts abbekommen. Aber ich war von den Verletzungen der anderen blutverschmiert. Vor unserem Grundstück kam gerade eine Frau, sie hieß Lina, von der Kirche kommend vorbei. Als sie auf der Höhe unseres Hauses war, wurde sie durch die Wucht der Bombe in Richtung der Treppe des Nachbarhauses von den Walters geschleudert. Sie starb dabei. Neben unserem Haus kam als übernächstes Nachbarhaus das von Siegels. Das Haus ist in sich zusammengefallen. Dort erstickten die zwei Schwestern von Mops Siegel. Außerdem starb auch ein 7 oder 8jähriger Bub, der wohl mit Siegels verwandt war. Auf der anderen Straßenseite Richtung Landwasser war das Lebensmittelgeschäft, wo Walburga Doll wohnte. Dort hatte ein größerer Splitter die Haustüre durchschlagen und – soweit ich weiß- sie am Hals getroffen. Auch sie ist gestorben. Insgesamt sind vier Bomben abgeworfen worden. Zwei bei uns und zwei sind im Biotop gelandet. Warum die Bomben über Hochdorf abgeworfen wurden, weiß ich nicht. Man sagt, dass die eigentlich irgendwo anders hätten abgeworfen werden sollen. Die Flieger hatten sich aber wohl verirrt.

Die Zeit nach dem Bombenangriff

Nach dem Bombenangriff sind wir zunächst in den Räumen des Kindergartens untergekommen. Der war da, wo das jetzige Michael-Denzlinger-Haus steht. Dann kam der Bombenangriff auf Freiburg am Montag, den 27. November 1944. Auch diesen Angriff haben wir mitbekommen. Wir saßen im Keller vom Hirschen auf Fässern. Wir wussten nicht, ob das Ziel wieder Hochdorf war oderweiter weg. Wir haben die Erschütterungen durch die Bomben gespürt. Sie waren so stark, dass die Fässer hin- und her gerollt sind. Aber es ist uns nichts passiert. Während des Angriffs haben meine Schwester Irmgard und meine Brüder Edmund und Lothar in Freiburg in der Klinik gelegen. Die Klinik war nicht bombardiert worden, aber vom Druck der Bomben waren die Heizungsrohre geplatzt. Die Kinder hatten Lebensangst. Glücklicherweise hatten sie das aber ohne weiteren Schaden überlebt. Nach dem Angriff war ich nicht mehr in Freiburg. Etwa kurz vor Weihnachten 1944 wurden wir mit meiner Mutter in ein Gebäude von Schloss Salem ausquartiert. Vater kam uns ab und zu besuchen. In Salem sind wir bis März 1945 bzw. Ende des Krieges geblieben. Anschließend sind wir zurück nach Hochdorf. Wir hatten ja weiterhin nichts zu wohnen. Daher haben wir wieder im Kindergarten gewohnt.

Layer 1